Das Jahr 2020 und was es mit uns macht

Drei Punkte fallen auf:

1) GEMEINSCHAFT fehlt: Wir werden voneinander isoliert, Alleinstehende werden einsamer, Großfamilien können nicht mehr zusammenkommen.

2) VERSTÄNDNIS fehlt: Wir werden polarisiert, es gibt eine große Mehrheit, die den Kurs der Bundesregierung befürwortet, und eine Minderheit, die lautstark vor Fehlentwicklungen warnt

3) VERTRAUEN fehlt: Unsere Herzen hegen gegen alles und jeden Verdacht.

Alle drei Punkte sind für Christen – genauso wie für alle anderen Gläubigen und Nichtgläubigen – sehr wichtig und in ihrem Fehlen schädlich.

1) Gemeinschaft ist für Menschen lebens-not-wendig. Ich brauche nicht nur Gespräch, körperliche Nähe oder Versorgung durch andere Menschen, ich brauche darin auch Korrektiv, Ermutigung, Trost. Das kann sich keiner selbst geben. Liebe: auch die kann man sich nur sehr begrenzt selbst geben (Selbstliebe), und wenn sie überhand nimmt, ist sie auch schädlich (Narzissmus). In meiner Lebensnot sind es andere Menschen, die die Lebensnot wenden können!

In den christlichen Gemeinden kommen Menschen zusammen, um GEMEINSCHAFT zu pflegen. Es gibt auch viele andere Gründe, zusammenzukommen. Aber alle anderen Gründe sind sekundär, denn man kann sie auch „allein“ pflegen: Bibellesen, Beten, Singen und Lobpreis, eine gute Predigt hören (online, Radio etc. möglich). Aber viele dieser Dinge, die man sonntags macht, macht man MIT ANDEREN ZUSAMMEN, weil die Gemeinschaft das Eigentliche ist! Wir sind als Gemeinschaft der Leib Christi, wir sind als Gemeinschaft berufen, wir sind als Gemeinschaft tätig. Wir ermutigen, trösten, stärken, ermahnen und erfrischen einander.

Und noch etwas ganz Wesentliches in der christlichen Gemeinde geschieht: die Katholiken nennen es Kommunion – Zusammenkunft, Gemeinschaft: das Abendmahl ist ein Gemeinschaftsmahl. Gemeinsames Essen, gemeinsames Feiern. Willst du ernsthaft Christ sein ohne Gemeinschaft? Alles geht eine Zeit lang als Notlösung. Aber jeder Mensch, der irgendwo auf der Welt Jesus begegnet und ihm zu folgen bereit ist, wird schon nach einiger Zeit die Nähe anderer Jesusnachfolger suchen. „Instinktiv“. Kein Baby überlebt alleine. Es sucht nach anderen Menschen, indem es schreit.

Ohne Gemeinschaft können wir nicht lange überleben.

Wenn uns Gemeinschaft genommen wird (man denke nur an Isolationshaft!), dann bedarf es einer sehr starken Psyche, um das unbeschadet zu überstehen. Ich glaube, dass Jesus Christus uns begleitet in jeder Einsamkeit, in jeder Isolation, in jeder Vereinzelung. Wir sind nie allein. Er gibt uns Kraft, die wir nicht erzeugen können. Die wir auch nicht erzeugen brauchen, die wir noch nicht einmal verstehen müssen. Sie kommt einfach. Manchmal müssen wir um Hilfe schreien zu ihm, aber sie kommt.

2) Wir haben kaum noch VERSTÄNDNIS füreinander. Es ist normal, dass in einer pluralistischen Gesellschaft jeder seine eigene Meinung hat und sie auch mehr oder weniger lautstark verkündet. Oft genug bewerfen sich auch Gegner verbal mit Dreck und verachten einander. Ich hoffe, dass das in christlichen Gemeinden nicht allzu häufig der Fall ist. Eine reife Demokratie, und auch eine reife Gemeinde, hält es aus, wenn Leute ganz anders denken, als man selbst. Man geht dennoch achtungsvoll miteinander um, sei es, weil der andere meinen eigenen Standpunkt relativiert, mich in Frage stellt und mich dadurch korrigieren kann. Wenn ich seine Meinung geprüft und gegen meine gestellt habe und sie mich nicht verändert, dann hat der andere dafür gesorgt, dass ich mir meines Standpunktes umso sicherer bin. Die ganz andere Meinung ist bereichernd und macht mir klar, dass ich nicht der Mittelpunkt der Welt bin, sondern wir alle nur ein Stück dieser Welt erkennen und einander ergänzen auch und gerade in unserer Gegensätzlichkeit. Verständnis habe ich vielleicht nicht für die Meinung des anderen, aber dafür, DASS er eine andere Meinung hat und haben darf.

Dieses Verständnis scheint allmählich verloren zu gehen. Denn in der allgemeinen Verunsicherung und Anstrengung des Jahres ist die Meinung des anderen nicht mehr hilfreich für mich, sondern anstrengend und verunsichernd. Ich weiß kaum selbst, was ich denken soll, wie soll ich dann noch offen sein für „andere Meinungen“? Also verhärte ich mein Herz mit einem „Basta! – was ich denke, stimmt!“ So kann der andere nicht mehr zu nahe an mich heran. Und am schlimmsten ist es, wenn der andere in seiner Argumentation auch noch überzeugend ist! Es könnte meinen -gerade so erreichten und wackeligen – Standpunkt verändern.

Um solche Verunsicherungen zulassen zu können, brauchen wir eine gewisse Reife, einen Standpunkt, der sich durch jahrelange Arbeit daran gebildet hat: Erfahrung, stimmige Denkmuster und Flexibilität. Nicht sehr viele Menschen – auch nicht in einer Demokratie oder in einer christlichen Gemeinde – haben solche festen, klaren, reifen Standpunkte. Wer bisher immer der Führung gefolgt ist, wird nicht von heute auf morgen selbständig prüfen und handeln können. Und wenn die Führung infrage gestellt wird, wird es für solche Menschen besonders unsicher. Sie müssen sich VERHÄRTEN! Aus Selbstschutz.

Es sei denn sie sind in ihrer Entwicklung weit genug, die ersten Schritte in die Selbstständigkeit zu machen.

In christlichen Gemeinden sollte jeder Pastor, jede Pastorin darauf achten, dass die Gemeindeglieder zu selbständigen, reifen Christen heranwachsen. Schon weil jedes Glied, jede Zelle des Corpus Christi gleich wichtig und unerlässlich ist, sie sollen handeln können und ihre Funktionen vertreten können. Es können nicht alle genau gleich denken, fühlen, handeln. Das wäre schrecklich. Ein Leib Christi ist dann reif, wenn er die anderen Funktionen stehen lassen kann in ihrer Andersartigkeit. Vielfältigkeit und gegenseitige Akzeptanz sollten in christlichen Gemeinden gelebt werden können. Der Vorteil ist, dass Gottes Heiliger Geist uns dabei hilft, uns lehrt, uns an unserer Stelle richtig zu finden und uns zu verstehen. Er schenkt uns die ausreichende Liebe füreinander ins Herz. Etwas was wir nicht selbst machen können. Bitten wir immer wieder darum.

3) VERTRAUEN? Was macht das mit unseren Herzen, dass wir ständig Verschwörungen wittern, dass wir den Verantwortlichen misstrauen und alles hinterfragen? Es sät Misstrauen in unser Herz. Man beginnt, alles zu hinterfragen, nicht nur die Taten der Regierung und der Wirtschaftsverantwortlichen, sondern zunehmend auch der Mitmenschen, der Glaubenssätze, der Gemeindeleitung.

Was bewirkt es, wenn Nachbarn aufeinander „aufpassen“ sollen und melden sollen, wenn Regelübertretungen stattfinden? Misstrauen. Alles sät Misstrauen. „Du hast dir nicht korrekt die Hände gewaschen!“ „Du trägst keine Maske!“ „Du hast dich mit zu vielen Leuten getroffen!“ „Du hast eine unnötige Reise gemacht!“ Wir verurteilen einander, ohne zu fragen. Menschen werden angestiftet, andere zu kontrollieren, weil sie sonst ruinöse Strafen erhalten könnten (Geschäftsinhaber, Vereine). Das Misstrauen wächst auf allen Seiten, unsere Herzen werden immer verkrampfter.

Dabei sollte Vertrauen in christlichen Gemeinden prägend sein. Wohl in erster Linie Vertrauen in Gott: Das könnte heißen: er hat auch dieses Jahr mit dieser besonderen Situation in der Hand, er weiß sehr wohl, was vorgeht und wird beschützen, wen er beschützen will. In Gott vertrauen ist klug.

In die Glaubens-Geschwister vertrauen ist schwieriger, wenn man sie nicht gut genug kennt, wenn man es über Jahre und Jahrzehnte versäumt hat, einen Kreis von Christen um sich zu scharen, denen man vertrauen kann durch Dick und Dünn. In kleinen Gemeinden kann man sich gut kennenlernen, kann man miteinander reden und Kontroversen aushalten lernen. Nur dann ist auch in einer Notsituation der Halt untereinander möglich.

Vertrauen in die Regierung etc. ist bis zu einem gewissen Grade gut, denn sonst würde man paranoid werden. Aber wer es schon früh gelernt hat, Dinge kritisch zu beobachten und zu hinterfragen, wird in fraglichen Situationen nicht überrascht werden und weniger verunsichert sein. Wenn von heute auf morgen mein Bild von einer integren Regierung zerschmettert werden würde, könnte mich das ebenfalls Zerschmettern. Wenn ich aber mein bedingungsloses Vertrauen in Gottes gutes Handeln nicht gleichsetze mit einem bedingungslosen Vertrauen in Menschen, die der Versuchung des Geldes, der Macht und der Gier ausgesetzt sind, bin ich wohl gut beraten.

Dennoch sollte ich mein Herz bei aller Kenntnis und aller Klarheit über die Unzulänglichkeit der Menschen nicht ängsten und verwirren lassen: Gott ist der, das das letzte Wort spricht. Und wenn Gott für mich ist, wer soll gegen mich sein! Das kann sich jeder Gläubige sagen. Gott ist für mich und am Ende wird sich herausstellen, was wirklich gut ist! Ich gebe mein Vertrauen in Gott nicht auf, und das weitet mein Herz trotz aller Zweifel an der Welt, die mir wachsen. Mein Vertrauen ist in Gott.

Amen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: